Jeder hat seine persönliche Geschichte und seine Gründe, wieso er etwas tut.
Mein Verhältnis zum Essen und zu meinem Körper ist schon seit langem nicht mehr normal.

Bereits in der Kindheit war ich nie dünn, sondern gehörte zu der kräftigeren Sorte Kinder. Das war nie ein Problem, bis ich in die Schule kam. Dort gab es zwei Gruppen: Die Jungs mit den coolen, dünnen Mädels und die uncoolen, normalen/dicken Mädels. Mir wurde schon sehr früh der Stempel aufgedrückt: uncool, nicht dünn.

In der 6ten Klasse sind wir umgezogen und ich kam mitten im Jahr in eine neue Schule mit neuen Leuten. Dort war ich sofort der Aussenseiter und frass den ganzen Frust in mich rein. Mit dem Übergang zur nächst höheren Stufe und dem Durchmischen der Klasse fand ich zwar Freunde, aber die Fresserei blieb. So nahm ich langsam zu. Meine Mutter arbeitete zu 100%, ihr Freund konnte ich sowieso nie ausstehen und mein Vater wollte seit meiner Geburt nichts von mir wissen. Oftmals gingen wir nach der Schule Chips und Cola holen und frassen uns voll. Zu Hause gabs dann noch ein deftiges Abendessen, obwohl ich eigentlich schon längstens satt war. So verging die Zeit und irgendwann sagte ich mir, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Damals war ich bei einer Körpergrösse von knapp 1.65 m  75 kg schwer und hatte eine Hosengrösse von knapp 42. 

Das war zu viel, ich wollte so nicht mehr weiter machen. Ich hab jegliche Zwischenmahlzeiten gestrichen und bei den Hauptmahlzeiten jeweils nur noch 1 vollen Teller gegessen. Die Pfunde purzelten schnell und ich wurde immer wie glücklicher. Nach etwa einem halben Jahr war ich bei 65 kg angekommen, doch das war mir nicht genug. Ich wollte mehr, doch ich wusste nicht, dass der harte Teil erst vor mir steht. Die nächsten 5 kg wollten einfach kaum runter. Ich wurde zunehmend frustrierter, fühlte mich im Gymnasium (wo ich inzwischen angelangt war) nicht akzeptiert und allgemein als Versager. Zuhause lief es auch nicht gut und so kam das eine zum anderen. Ich fing an mich zu ritzen, bekam schwere Depressionen und ging ein halbes Jahr kaum zur Schule. Niemand schien es zu interessieren. Nach einem halben Jahr stand ich mit einem Fuss in meinem eigenen Grab. Nach einem missglückten Selbstmordversuch wusste ich, dass ich etwas machen muss. Entweder ich würde mir Hilfe suchen oder die Sache endgültig beenden. Was darauf folgte, war ein Jahr Therapie mit Medikamenten und mein erster richtiger Freund (mit 19 Jahren).

Und doch: Die Essensprobleme blieben, da ich sie immer geheim hielt. Ich fing mit verschiedenen Diäten an und landete schliesslich beim Kalorienzählen. Ich schraubte die Zahl immer wie mehr herunter, bis ich irgendwann bei 1000 kcal angelangt bin. Mein damaliger Freund meinte irgendwann, als ich so 2-3 kg zugenommen hatte, dass er es lieber hätte, wenn ich abnehmen würde und dünner wäre. Das hat mich tief getroffen und bis heute nicht mehr losgelassen.

Inzwischen ist er mein Ex-Freund, ich 22 Jahre alt und mein Essverhalten ist noch gestörter geworden. Mir wurde oft eine Therapie vorgeschlagen, doch ich hab wahnsinnige Angst davor. Ausserdem: My Body. My Life. My Choice